Feature: Quereinsteiger – Es ist (nie) zu spät für den perfekten Job

Zugegeben, auf den ersten Blick mögen Bundespräsident Joachim Gauck, Entertainer Stefan Raab und „Pop-Titan“ Dieter Bohlen recht wenig miteinander gemein haben – außer, dass sie überregional bekannt und in dem was sie tun überaus erfolgreich sind. Doch gibt es eine Sache, die sie zweifelsfrei verbindet: Alle drei sind „Quereinsteiger“ und haben ihren gegenwärtigen Beruf nicht von vornherein erlernt.

So ist Joachim Gauck in erster Linie studierter Theologe und arbeitete vor seinem Einstieg in die Politik als evangelischer Pastor. Dieter Bohlen schloss vor seiner internationalen Karriere als Musiker ebenfalls ein Studium – allerdings in der Betriebswirtschaftslehre – ab und darf sich seither als Diplom-Kaufmann bezeichnen. Und bevor Stefan Raab zu einem der gefragtesten Moderatoren im deutschen Fernsehen aufstieg, absolvierte er zunächst eine ganz bodenständige Ausbildung zum Fleischer.

Man muss sich jedoch gar nicht unbedingt Personen des öffentlichen Lebens zuwenden, denn auch in der alltäglichen Arbeitswelt zählen „Quereinsteiger“ längst nicht mehr zu den Exoten. Mit Ausnahme von geschützten Berufen wie Arzt oder Jurist sind die meisten Gebiete durchaus offen für den alternativen Einstieg.

Die Gründe, warum sich Menschen dazu entschließen, ihrem alten Job den Rücken zu kehren und in einem vermeintlich unbekannten Metier Fuß zu fassen, sind vielfältig. Solch ein Wechsel kann durchaus unfreiwillig geschehen, zum Beispiel wenn man seinen alten Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterführen kann. Oft ist es aber auch der eigene Wunsch nach Veränderung oder das Gefühl, noch nicht „das Richtige“ für sich gefunden zu haben.

So war es auch bei Web-Entwickler Christian Tigges: Nach einer Ausbildung zum Werkzeugmechaniker und anschließender Zeit im Beruf kam ganz unvermittelt die betriebsbedingte Kündigung – für Tigges zunächst einmal ein Rückschlag, gleichzeitig aber auch eine Chance: „In dem Moment habe ich für mich entschieden, dass ich mich weiterentwickeln möchte. Auch wenn mein gelernter Beruf durchaus seine interessante Seiten hatte, konnte ich mich dort nicht voll entfalten – es fehlte einfach das gewisse Etwas; diese persönliche Hingabe zu dem, was man tut.“

Seine Bestimmung fand Christian Tigges schließlich in der IT-Branche. Durch seine langjährige Leidenschaft für Computer, Internet und Software hatte er sich bereits ein solides Fachwissen in dem Bereich autodidaktisch angeeignet, zudem holte er noch sein Fachabitur nach. Der schlussendliche Einstieg in die Branche gelang ihm schließlich während eines Praktikums im Rahmen einer weiteren schulischen Ausbildung zum Gestaltungs-Technischen-Assistenten. Heute ist Tigges fest angestellter Programmierer bei der FACT Werbeagentur GmbH und ist dort für die Erstellung und Pflege professioneller Websites zuständig. Den Schritt in ein völlig neues Berufsfeld hat er bis heute nicht bereut: „Es ist genau das, was ich mir immer vorgestellt habe. Ich würde absolut nicht mehr in einem anderen Bereich arbeiten wollen.“

Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Quereinstieg ist oftmals schlichtweg eine gewisse Begeisterung für die angestrebte Tätigkeit – ein engagiertes Auftreten und persönliches Know-How können den zukünftigen Arbeitgeber im Zweifelsfall eher überzeugen, als so manch „offizielle“ Referenz. Aus diesem Grund sind bestimmte Branchen und Berufe, wie der des Immobilienmaklers oder auch im IT-Bereich, bei denen eher die eigene Stärken und Fähigkeiten entscheidend sind, besonders prädestiniert für „Quereinsteiger“.

Das sieht auch Gregor Fuhr, Leiter Softwareentwicklung der Dendrit Haustechnik-Software GmbH so: „Wenn man nicht mit Herzblut bei der Sache ist, bringen die vielen Qualifikationen meist wenig. Das gilt für eine Umschulung ebenso, wie für ein abgeschlossenes Studium – am Ende müssen das Gesamtpaket und die Leistung stimmen.“ Nichtsdestotrotz sind Nachweise über die eigene Kompetenz selbstverständlich obligatorisch; wenngleich ihre Form nicht immer fest vorgegeben ist. „In der Softwareentwicklung kann so eine Qualifikation auch aus einer selbst programmierten App oder einer anderen ,sichtbaren’ Leistung bestehen. Einfaches Interesse an der Materie reicht dagegen normalerweise nicht aus“, erklärt Fuhr.

Sofern die Grundvoraussetzungen gegeben, sprich die formalen Anforderungen erfüllt sind, verzichtet man in seinem Unternehmen jedoch bewusst darauf, bei Bewerbern – zum Beispiel aufgrund ihres Abschlusses – weiter zu differenzieren. „Die Fragen im Vorstellungsgespräch sind bei allen Anwärtern identisch. Generell beginnt der Auswahlprozess bereits mit den Bewerbungsunterlagen, die auf jeden Fall überzeugend sein müssen. Wir achten dabei beispielsweise darauf, ob im Anschreiben deutlich wird, warum man sich gerade für eine bestimmte Stelle interessiert – und warum man genau der (oder die) Richtige dafür ist.“

Ganz gleich nun aber, ob man sich aus freien Stücken, oder eher notgedrungen neu in der Berufswelt orientieren muss: Es gilt, nichts zu überstürzen und die Situation gebührend abzuwägen. Schließlich sollte das „Branchen-Hopping“ im Normalfall nicht zur Gewohnheit werden. Es kann auch sinnvoll sein, einmal in die entgegengesetzte Richtung zu denken: Würde womöglich schon ein Wechsel des aktuellen Arbeitgebers, der aktuellen Abteilung, des aktuellen Umfelds bewirken, dass man sich auch in seinem „alten“ Job wieder wohlfühlt? In jedem Falle sollte man immer bemüht sein, sich im Guten von seinen Kollegen und Vorgesetzten zu trennen. Ein gesundes Netzwerk an Kontakten kann schließlich auch in einem neuen Umfeld nicht schaden. Für weitergehende Beratung und Unterstützung in Sachen „Quereinstieg“ kann man sich darüberhinaus an die Bundesagentur für Arbeit u.a. wenden.

Text: Simon Scholl
Bild: iStock




Alle Bewerbungstipps